DER BLINDE FLECK  Text von Stephan Berg, im Katalog “HORST KEINING MARIAKIRCHEN“, Siegburg 2004   >> Translation by Stephen Reader
     
   

Die nach wie vor größte Herausforderung für die Kunst besteht darin, eine eigene Artikulationsform zu finden, die deutlich macht, dass es kein künstlerisches Ziel sein kann, die Welt nachzuahmen, Kunst sich eben aber auch nicht in völliger selbstbezüglicher Verschlossenheit erfüllt. Während die Autonomiedebatten des frühen 20. Jahrhunderts - aus ihrem positiven Avantgardefuror heraus - noch ganz ungebrochen die Möglichkeit beschworen, das Bild zu sich selbst zu befreien und es als Wirklichkeit zu entwerfen, die allein den selbst gesetzten Kriterien folgte, gehorcht der künstlerische Diskurs heute einer Ambivalenzbewegung, in der Bilder stets das Eine und das Andere sind: Verweise auf ihre Eigen-Tümlichkeit ebenso wie schillernde, komplexe Bezugnahme auf die Kontexte, in denen sie stehen. Eben das gilt auch für die Arbeiten Horst Keinings, die auf den ersten Blick so geistkühl, durchrationalisiert und analytisch beherrscht wirken. Tatsächlich ist Keining ein Wanderer zwischen den Welten, der seine Bilder aus einem systematischen Impuls heraus entwickelt, ohne sie in diesem System einzuschließen. Seit jeher gilt für dieses Werk, dass es den unüberschaubaren Pluralismus unserer Wirklichkeit in klar erscheinende Versuchsanordnungen übersetzt, die sich andererseits wiederum als Ausgangspunkt für neue Verunklärungen entpuppen. So entsteht ein strukturelles Oszillieren zwischen Raum und Fläche, Ordnung und Freiheit, Schrift und Bild, zwischen Bezeichnung und Bezeichnetem. Nie führt die Malbewegung dabei auf einen ausschließlichen Punkt hin, sondern kreist sozusagen um ihre eigene Ambivalenz zwischen minimal-naher Autonomie und weltzugewandter “Verunreinigung“.  >> weiterlesen